Aus dem Leben: Lauschangriff in der Regionalbahn

kaffeeeinstein großGerade wurde ich Ohrenzeuge eines faszinierenden Gesprächs.

Drei Pendler, zwei Frauen um die Vierzig und ein Mann Anfang Fünfzig, unterhielten sich im Zug über ihren Job. Plötzlich begann eine hitzige Debatte, die mich über die Maßen erstaunte. Umweltbewusstes Verhalten liegt anscheinend voll im Trend!

Aus dem Leben

Alles fing damit an, dass ER über die Vorteile sprach, die seine gehobene Position mit sich bringt. Er werde jetzt für ein Wochenende nach Mallorca fliegen, direkt Freitagnachmittag aus der Firma ins Flugzeug und Samstagabend wieder zurück. Statt ihn allerdings angemessen zu bewundern, hatten die beiden Damen nicht mehr als entrüstetes Schnauben für ihn übrig.

SIE: „Das ist alles andere als umweltfreundlich!“

ER: „Was soll denn das jetzt?“

SIE: „Da bläst du das CO2 ja gerade zum Fenster raus.“

ER: „Ich fahre mit dem Zug zur Arbeit und spare reichlich CO2. Da kann ich doch wohl in den Urlaub fliegen.“

SIE: „Du kannst deinen Urlaub doch auch hier verbringen. Zumal es ja nur um ein Wochenende geht. Fahre lieber mit deiner Familie Fahrrad.“

ER: „Ich will aber nach Mallorca.“

SIE: „So viel Fliegen schadet der Umwelt.“

ER: „Da sitzen aber noch viel mehr Leute im Flugzeug. Nur weil ich nicht fliege, bleibt die Maschine doch nicht stehen.“

SIE: „Das denken alle. Wenn jeder, der so denkt, tatsächlich daheim bleiben würde, blieben viele Flugzeuge leer. Damit würden wir unsere Energiebilanz deutlich senken.“

ER: „Soll ich meinen Job kündigen und auf HartzIV umsteigen? Dann sitze ich den ganzen Tag zu Hause und verschwende kein CO2.“

SIE: „Das ist doch Quatsch. Wenn du für den Job CO2 verbrauchen musst, weil du z.B. zur Arbeit fährst, ist das eben so. Aber deine Freizeit kannst du gestalten wie du willst, also auch umweltbewusst.“

ER: „Du meinst also, es gibt gutes und böses CO2? Für den Job ist es gut, für die Freizeit ist es schlecht?“

SIE: „Das haben wir doch nie behauptet.“

ER (beleidigt): „Dann bleibe ich im Urlaub eben am Strand liegen, mache gar nichts, atme nur ganz leicht…“

SIE: „So ein Blödsinn!“

ER: „Ihr argumentiert nicht logisch, sondern emotional.“

SIE: „Aha.“

ER: „Ich habe Solarzellen auf dem Dach und produziere meinen eigenen Öko-Strom. Kommt mir also nicht mit meiner Energiebilanz! Was ich da spare, darf ich in meinem Urlaub ausgeben. Ich fliege nach Mallorca!“

SIE: „Und das soll logisch sein?!“

Fand ich sehr spannend. Zugegeben, ich musste mir das Grinsen verkneifen. Aber immerhin: Da solche Gespräche morgens um halb acht in der Regionalbahn stattfinden, sind wir schon ein großes Stück weiter. Wen die psychologischen Hintergründe für das Verhalten des Herrn interessieren, kann sie hier nachlesen.

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2 Gedanken zu “Aus dem Leben: Lauschangriff in der Regionalbahn

  1. Sehr amüsant!

    Er fängt an den Super-Macker („Hey, ich bin’s“) zu geben, bekommt dann aber Kontra und anstatt dass er seine Linie kompromisslos weiter durchzieht; ergeht er sich in jämmerlichen Rechtfertigungen und das ganze Kontrukt zerbröckelt augenblicklich. 🙂

  2. Pingback: Warum wir trotzdem fliegen | Inspiration Transition

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