Psychologie: Warum wir trotzdem fliegen

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Flugreisen sind schön – können wir auf sie verzichten? (Foto: retemirabile auf flickr)

Auch aktive Transitioner haben damit zu kämpfen: Wir möchten gern umweltbewusst handeln und tun es doch nicht. Für jede Energie- oder CO2-Verschwendung haben wir gleich eine Handvoll Rechtfertigungen parat, die unser schlechtes Gewissen beruhigen. Die Gründe dafür liegen tief in uns vergraben. Psychologie und Soziologie liefern Erklärungen, über die nachzudenken sich lohnt.

Ihr erinnert euch an das belauschte Gespräch in der Regionalbahn: Drei Pendler diskutierten über umweltbewusstes Verhalten im Urlaub. ER wollte unbedingt für ein Wochenende nach Mallorca fliegen, was bei seinen Dialogpartnerinnen überhaupt nicht gut ankam. Wider besseres Wissens – immerhin handelt ER im ‚normalen’ Leben durchaus umweltbewusst – verteidigte ER sein Vorhaben. „Ich habe Solarkollektoren auf dem Dach und pendle mit der Bahn zur Arbeit – also kann ich auch mal für ein Wochenende nach Mallorca“, so sein Fazit.

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Natürlich ist es schön auf Mallorca – aber schöne Fleckchen gibts auch in unserer Nähe zu entdecken (Foto: MasterMan auf flickr)

Dieser Argumentation ist, so skurril sie Außenstehenden erscheinen mag, durchaus kennzeichnend für ein Verhalten, das wir an uns selbst feststellen können. Jeder weiß, dass unser modernes Leben viel zu viel Treibhausgase entstehen lässt und wir alle angehalten sind, Energie und CO2 zu sparen. Es ist uns bewusst und wir möchten gern umweltschonend handeln – tun es aber trotzdem nicht. Das Fahrrad bleibt im Keller, für den Sommer ist Afrika gebucht, das neue Auto hat 50 PS mehr. Unsere liebste Ausrede: „Ich allein werde die Welt nicht retten, solange alle anderen nicht mitziehen.“ Das geht in unserem persönlichen Umfeld ganz gut, und wenn dort nicht mehr, zieht immer noch die größere Dimension: „China und USA verbrauchen viel mehr als wir.“ Stimmt. Aber sind wir damit aus der Verantwortung entlassen?

Hand aufs Herz: Wer würde nicht gern für ein verlängertes Wochenende ins Warme fliegen? Und wer würde sich nicht damit rechtfertigen, im Alltag diese Verschwendung wieder auszugleichen?

Warum verstoßen wir so leicht gegen unsere Überzeugungen und handeln wider besseren Wissens?

Die Sozialpsychologie ist dem Phänomen nachgegangen und hat herausgefunden, dass wir nicht das geringste Problem damit haben, die eklatantesten Widersprüche zwischen Wissen und Handeln in unserem Alltag zu ignorieren. Die Moral, die uns eigentlich sagen müsste, was gut ist und was wir lieber lassen sollten, wirkt in der Regel nicht handlungsleitend. Statt dessen liefert sie uns eine Begründung dafür, warum eine falsche Handlung in der jeweiligen Situation angemessener ist als eine richtige. So erschien es IHM überhaupt nicht verwerflich, für seinen Wochenendtrip CO2 zu verschwenden. Seine Rechtfertigung „ich verhalte mich ja sonst immer richtig“, lässt zwar erkennen, dass ihm gerade bewusst ist, dass er falsch handelt – aber das hält ihn nicht davon ab, einmal eine Ausnahme zu machen. Er hat es sich ja quasi durch sein richtiges Verhalten verdient. Der Begriff dafür ist ‚Dissonanzreduktion’.

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Mit dem Rad lassen sich herrlich abgelegene Paradiese erkunden (Foto: Nassfeld auf flickr)

Eine zweite Erklärung hat mit dem Begriff ‚Verzicht’ zu tun. Wer zu Verhaltensänderungen im Sinne des Umweltschutzes aufruft, hört sofort: „Aber dafür müssten wir ja auf das und jenes verzichten – das wollen wir nicht.“ Das Argument der beiden Pendlerinnen, er könne seinen Urlaub doch auch mit seiner Familie im Schwarzwald verbringen, fand ER zumindest überhaupt nicht bedenkenswert. Denn das hätte ja Verzicht auf Freiheit, Mobilität und sozialen Ansehens (oder nennen wir es Coolness) bedeutet.

Dabei ist „der aktuelle Zustand mit einer Fülle von Verzichtsleistungen erkauft“, stellen Claus Leggewie und Harald Welzer fest. Die Kulturwissenschaftler geben zu bedenken, dass wir Zwängen unterliegen, denen wir „nach Modellen rationaler Wahl Vernunft einhauchen.“

Und das gilt nicht nur für den Junkie, der seine Droge konsumiert obwohl sie ihn unglücklich macht. Wir alle sind abhängig von unserer Mobilität, unserem Luxus, von Dingen, die uns eigentlich schaden. Der immer länger werdende Weg zum Arbeitsplatz kostet uns Zeit, Nerven und ist einer der Hauptverursacher für Treibhausgase – um nur ein Beispiel zu nennen. Dennoch halten wir daran fest, schließlich ist das besser als gar keinen Arbeitsplatz zu haben. Wir reden uns ein, es ginge nicht anders. Der Sozialhistoriker Norbert Elias hat herausgefunden: „Zivilisierung verschafft den Menschen sukzessive mehr individuelle Freiheit und Sicherheit, aber um den Preis erheblicher Verzichtsleistungen, die gar nicht mehr die Schwelle des Bewusstseins erreichen, weil sie zu den selbstverständlichen Hintergrundvoraussetzungen gehören, die einfach so sind, wie sie sind.“ (Leggewie & Welzer).

Aus meinem eigenen Leben kenne ich das: ich bin eine Weile mit dem Auto zur Arbeit gefahren, was okay war. Aber eigentlich ganz schön teuer, deshalb fahre ich jetzt mit dem Zug – und bin zufriedener. Morgens kann ich vor mich hindösen, abends abschalten. Mobilität war für mich ein Verzicht auf Entspannung.

Foto: AndyRobertsPhotos auf Flickr

Die Biokiste wartet mit Überraschungen auf und lädt zum Experimentieren ein (Foto: AndyRobertsPhotos auf flickr)

Ähnlich bei der Ernährung: Das vermeintliche einfache Einkaufen von Obst und Gemüse im Supermarkt hat sich als Verzicht entpuppt – nämlich auf Qualität und Auswahl. In der Biokiste finde ich jetzt Gemüse, das ich nicht einmal kenne. Herauszufinden, was es sein könnte, wie man es zubereitet und schließlich der Geschmack, macht dagegen erheblich mehr Spaß.

Wie steht es um euren Alltag? Habt ihr Gewohnheiten, die sich bei näherer Betrachtung als Verzichtsleistung erweisen und deren Änderung euch glücklicher macht?

Mit dieser Frage verabschiede ich mich in eine etwas längere Blogpause. Postet eure Erfahrungen und Gedanken, auf dass wir gemeinsam unsere Denkblockaden überwinden 😉

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