Minimalismus: „Mich auf das Wesentliche zu beschränken ist ungemein befreiend“

(Foto: Max Gaedtke)

Max reist mit einem Rucksack und einem Faltfahrrad nach Südfrankreich (Foto: Max Gaedtke)

Seinen Koffer zu packen fällt Max Gaedtke nicht schwer. Er besitzt nämlich nur 118 Gegenstände, und von denen nimmt er nur die nötigsten mit auf die Reise nach Frankreich. Passt alles in einen Wanderrucksack. Bequem, finden die einen. Eine Philosophie, findet Max.

Am Bahnsteig drängen sich die Menschen, während der eingefahrene Zug nach Paris seine Fahrgäste entlässt. Ein Nachzügler hetzt den Türen entgegen, sein schwerer Koffer rumpelt hinter ihm her, bleibt hängen, droht zu kippen, bis der Mann stehen bleibt und ihn wieder ins Gleichgewicht bringt. Dann hetzt er weiter, katapultiert das prall gefüllte Ding über die steilen Trittbretter ins Innere und zwängt sich durch den Gang. Endlich findet er einen Sitzplatz und mustert kurz sein Gegenüber, ein leger gekleideter Student mit modischer Hornbrille und einem netten Gesicht.
„Wochenendtrip nach Paris,“ erklärt er mit Fingerzeig auf den überdimensionalen Koffer.
Der Student tippt auf seinen Rucksack. „Vier Monate Leben in Frankreich“, erwidert er trocken.
Ich schmunzle über die Szene und schaue mir Max genauer an. Nein, er sieht wirklich nicht aus wie einer dieser Klischee-Ökos, die scheinbar wochenlang die selbe Jeans tragen und deren Haare nur selten Kontakt mit einem Kamm haben. Man sieht ihm nicht an, dass er tatsächlich nur wenig Kleider besitzt. Nicht, weil er sie sich nicht leisten könnte. Sondern weil er sich nicht mehr leisten will als unbedingt nötig.
„Ich schätze, was ich besitze – und besitze, was ich brauche“, nimmt er unsere Unterhaltung wieder auf. „Die zentrale Frage lautet: Was sind meine Bedürfnisse? Habe ich die erkannt, kann ich allen unnötigen Ballast abwerfen.“
Und das hat er getan, im wörtlichen Sinn. Schrieb eine Liste mit den notwendigen Gegenständen und verschenkte den Rest. Aber wie kommt man auf so eine Idee?

Nur reden nutzt nicht viel

Foto: Max Gaedtke

Sich nur theoretisch mit dem Klimaschutz zu beschäftigen ist Max zu wenig (Foto: Max Gaedtke)

Während seines Geografie-Studiums wird Max Gaedtke mit all den Dingen konfrontiert, die auf unserer Erde gerade schief laufen. Die Ausbeutung der Natur zugunsten endlicher Ressourcen, Peak Oil, Überfischung, Bienensterben etc. Aus dem Entsetzen heraus engagiert er sich viel in politischen und ökologischen Projekten, versucht seine Mitmenschen mit Worten zu Veränderungen zu bringen. Schließlich muss er einsehen, dass das nicht fruchtet.
„Natürlich hätte ich gern, dass wir jetzt große Schritte erreichen. Denn wir befinden uns auf dem `Peak of everything´, wie ich es mal nennen will. Umweltschäden, Reallohn-Schere, eine Wachstumsideolgie, die sich selbst überholt…Der Kollaps ist da. Aber kaum jemand schaut hin, weil niemand seine Komfortzone verlassen will.“
Nicht einmal seine Eltern, die als 68er gern mal diskutieren. Obwohl Max seinen intellektuellen Background sehr schätzt, ist ihm diskutieren zu wenig. Er will einen Schritt weiter gehen, Veränderungen anstoßen, die Zukunft aktiv mitgestalten.

Erste Kontakte mit Transition

Foto: Max Gaedtke

Er engagiert sich bei Garten- und Landwirtschafts-Projekten (Foto: Max Gaedtke)

Umso erstaunter ist er, als er während eines Permakultur-Kurses Menschen trifft, die genauso denken. Einziger Unterschied: Irgendwie gelingt es ihnen, an eine positive Vision zu glauben. Daran, dass es nach dem Kollaps weitergehen könnte. Mit anderen Zielen, anderen Wertvorstellungen.
„Ich mag die Transition Bewegung, weil sie so voller Hoffnung steckt“, schmunzelt er. „Der Ansatz, aktiv zu werden und durch viele kleine Schritte viel erreichen zu können, hat mich überzeugt. Außerdem werden neue Lebensstile ausprobiert, die in einer post-Kollaps Gesellschaft funktionieren. Die enkeltauglich sind und natürlich am wichtigsten: die unglaublich Spaß machen!“
Deshalb werkelt er eine Weile in einem Gartenprojekt in Göttingen mit, sucht nach seinem Umzug nach Freiburg Kontakt mit der Gruppe dort. Richtig aktiv wird er jedoch nicht.
„Für mich ist im Moment der innere Wandel entscheidend“, erklärt er. „Ich möchte für mich einen Weg finden, durch Unabhängigkeit von materiellen Werten mehr Raum und Zeit zu haben für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Beispielsweise gelingende Beziehungen, soziales Engagement und natürlich auch Muse. Dem Prinzip der Permakultur „dem Verbrauch und dem Wachstum Grenzen setzen“ zu folgen, ist für mich ungemein befreiend.“

Lebensstil Minimalismus

(Foto: Max Gaedtke)

Max´ Lieblingswährung: Mandeln statt Euro! (Foto: Max Gaedtke)

Denn plötzlich spielen Geldsorgen keine Rolle mehr. Dem neuesten Trend entsprechend einzukaufen spielt keine Rolle mehr. Und auch nicht, dem 48-Stunden Job hinterher zu hecheln.
„Ich würde nicht komplett auf Geld verzichten wie der Minimalist Raphael Fellmer, der zur Zeit durch die Medien geistert. Sein Lebensstil ist mir zu radikal, denn er muss sich ständig damit beschäftigen, wie er ohne Geld auskommt… Dadurch gewinnt das Geld in meinen Augen aber wieder einen zu großen Stellenwert in seinem Denken.“
Statt dessen begnügt Max sich nach dem Ende seines Studiums mit Gelegenheitsjobs, bei denen er meist nur Unterkunft und Essen als Bezahlung erhält. Die Zeit dazwischen nutzt er, um seine Ausbildung zum Permakultur-Designer voranzutreiben. Wie jetzt in Südfrankreich. Anschließend will er Landwirte hierzulande bei der ökologischen Anbaumethode unterstützen. Und so aktiv am Wandel mitwirken.

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3 Gedanken zu “Minimalismus: „Mich auf das Wesentliche zu beschränken ist ungemein befreiend“

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